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Warum skurrile Markterlebnisse zum Alltag kreativer Unternehmerinnen gehören

Ein Herbsttag, wie er im Buche steht

Es war ein goldener Herbsttag im Jahr 2023. Ich stand auf dem kleinen, aber gut besuchten Kunsthandwerkermarkt in meinem Heimatort. Die Sonne wärmte mein Gesicht, die Luft roch nach Kaffee und Kürbissuppe, Menschen flanierten zwischen Ständen, voll mit liebevoll hergestellten Einzelstücken. Ich mittendrin – mit meinem Stand, meinem Kreativlabel, das ich seit fast zehn Jahren betreibe. Ich verkaufe selbstgemachten Schmuck, Grußkarten, Einladungen und seit Kurzem auch Deko aus Keramikgießmasse – vor allem kleine Schmuckschalen, die oft ein liebevoller Blickfang auf dem Nachttisch oder im Flur sind.

Ich liebe diese Tage. Sie sind stressig, ja, aber sie geben auch Energie. Ich komme ins Gespräch mit Menschen, bekomme ehrliches Feedback, erzähle von meinen Prozessen – und merke, wie sehr Handarbeit Menschen berührt. Und dann gibt es Begegnungen, bei denen man sich fragt: Habe ich das wirklich gerade erlebt?

Ein Finger, ein Tropfen Speichel – und eine Schale

Er war etwa Mitte 50, trug in meiner Erinnerung zumindest eine Cordjacke und hatte diesen „Ich weiß Dinge“-Blick. Er blieb stehen, hob eine meiner Schmuckschalen hoch und betrachtete sie interessiert. „Was ist das für ein Material?“, fragte er. Ich erklärte ihm, dass es sich um Keramikgießmasse handelt – ein Material, das ich liebe, weil es leicht, formbar und dennoch stabil ist. Seine Reaktion: „Ah ja, interessant. Ich habe mal eine Töpferlehre gemacht – sowas gibt’s heute ja gar nicht mehr.“

Ich lächelte höflich. Während er von der Handwerkskunst vergangener Tage schwärmte, versuchte ich mit einem halben Ohr, andere Kund:innen im Blick zu behalten. Es war dieser typische Kunstmarkt-Talk, der irgendwie nett, aber auch irgendwie sehr einseitig war. Ich konnte mich kaum lösen. Und dann – geschah das Unfassbare.

Er leckte seinen Finger an. Und drückte ihn auf die Rückseite der Schale.

Ich glaube, mein Gehirn hat in dem Moment kurz gestreikt. Ich stand da, starrte ihn an, sprachlos. Er erklärte mir seelenruhig, dass er so prüfen wollte, ob das Material Wasser zieht – sei ja wichtig bei Ton. Ich nickte nicht. Ich sagte nichts. Ich war einfach… perplex.

Der Moment, in dem ich nur noch denken konnte: „Wer anleckt, muss auch kaufen.“

Von der Sprachlosigkeit zur Erkenntnis

Natürlich weiß ich, dass Menschen auf Märkten gerne fühlen, anfassen, ausprobieren. Und genau dafür mache ich es ja auch. Ich möchte, dass meine Stücke erlebt werden. Aber dieser Moment war anders. Er war übergriffig, ohne böse gemeint zu sein, aber er zeigte mir: Auch als freundliche Kreative darf ich Grenzen setzen.

Ich hätte sagen können: „Bitte lecken Sie mein Produkt nicht an.“ Ich hätte ihm die Schale kommentarlos aus der Hand nehmen können. Habe ich aber nicht. Und genau das war der Knackpunkt – ich war nicht vorbereitet auf so einen Moment.

Lehren für kreative Unternehmerinnen

Solche Situationen passieren. Immer wieder. Vielleicht nicht mit Speichel, aber mit seltsamen Fragen, unangemessenen Kommentaren oder ungebetenen Ratschlägen. Wenn Du als Künstlerin auf einem Markt verkaufst, bist Du nicht nur Verkäuferin – Du bist auch Gastgeberin, Vermittlerin, Erklärerin, Preiskämpferin und Stimmungshalterin.

Deshalb hier drei Erkenntnisse aus meinem Erlebnis:

1. Grenzen setzen ist Teil des Business. Auch wenn Du Kunst verkaufst, darfst Du Regeln haben. „Bitte nicht berühren“ ist kein Zeichen von Arroganz, sondern von Wertschätzung für Dein Werk.

2. Humor ist erlaubt – auch in der Krise. Ich hätte mich ärgern können. Stattdessen habe ich diesen Satz erfunden: „Anlecken verpflichtet zum Kauf.“ Und er bringt mich jedes Mal zum Lachen.

3. Aus schrägen Momenten entstehen die besten Geschichten. Sie zeigen, dass hinter jedem Produkt ein Mensch steht – mit Nerven, Bauchgefühl und manchmal auch Sprachlosigkeit. Und genau diese Geschichten machen Dein kreatives Business greifbar und sympathisch.

Warum ich Märkte trotzdem liebe

Trotz allem – ich werde weiterhin auf Herbst- und Weihnachtsmärkte gehen. Ich liebe das Treiben, die Begegnungen, die kleinen Gespräche am Rande. Ich sehe, wie Menschen meine Produkte entdecken, wie sie Geschenke für ihre Liebsten finden oder sich selbst etwas gönnen. Märkte sind für mich nicht nur Verkaufsorte, sondern lebendige Labore für Ideen, Formate und Feedback.

Und ja, manchmal ist man dort eben auch das Versuchskaninchen für alte Töpfer-Tricks.

Und jetzt Du: Was war Dein skurrilstes Markterlebnis?

 

Wenn Du auch selbst kreative Produkte herstellst – ob Schmuck, Deko, Kunst oder Musik – und wissen willst, wie Du Dein kreatives Business strategisch aufbauen und professionell präsentieren kannst: Melde Dich bei uns. Wir bieten Workshops, Coaching und Begleitung für kreative Unternehmer:innen, die mehr aus ihrer Kunst machen wollen.

 

Und wenn Du beim nächsten Marktbesuch eine Schmuckschale siehst, denk dran: Nur schauen. Nicht lecken.

 

Das Bild zeigt eine bemalte Schmuckschale und daneben steht ein Schild, auf dem "Anlecken verpflichtet zum Kauf" steht

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